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Nelly Furtado

28.04.2008 (ms) - Alles aus dem Bauch heraus (aus: event. 05/08)

Da raschelte es aber gehörig im Blätterwald, als im Sommer 2006 das dritte Album von Nelly Furtado erschien… Für die einen war es die Wandlung vom Saulus zum Paulus, für die anderen genau umgekehrt. Was war passiert? Den Käufern des Albums schallte anstelle des gediegenen Songwriter-Pops der beiden Vorgänger purer HipHop und R'n'B entgegen. Klar, dass die damals 27-Jährige mit ihrem Stilwechsel polarisierte, und sich damit nicht nur Freunde machte. So bewusst der Schritt aber auch war, so sehr war er gleichzeitig eine reine Bauchentscheidung - und beileibe nicht die erste von Nelly Furtado...


Nelly wurde Ende 1978 in Victoria, der Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia, als Tochter von portugiesischen Einwanderern geboren. Ihre Eltern, die 1967 vor dem Diktator Salazar geflohen waren, erzogen ihre Tochter streng katholisch und trichterten ihr früh ein, dass einem im Leben nichts geschenkt wird. Gleichzeitig förderten sie aber auch ihre Begeisterung für die Musik. So begann Nelly bereits im Alter von vier Jahren Klavier zu spielen, mit sieben Ukulele, mit neun Posaune und mit elf Keyboard. Bald darauf landete sie bei der Gitarre. Beste Voraussetzungen, um die ersten Gehversuche in Sachen Songwriting zu wagen, was Nelly dann auch tat. Wie die meisten Teenager wollte das Mädchen zunächst den angesagten Popstars nacheifern, doch mit der Zeit erweiterte sich ihr musikalisches Spektrum, das recht bald von brasilianischer und portugiesischer Folklore über Rock bis hin zu R'n'B und HipHop reichte. Vermutlich war die einzige Musikrichtung, für die Nelly Furtado sich zu diesem Zeitpunkt nicht interessierte, Techno. Doch gleichzeitig mit den einsetzenden Songwriter-Ambitionen zogen, wie bei vielen Teenagern, düstere Wolken über ihrem Gemüt auf, und der Weltschmerz machte sich breit. Nelly begann sich mit ihren Eltern zu überwerfen, bis sie schließlich mit 19 das College hinwarf, um ihrem Gefühl zu folgen, das ihr zu diesem Zeitpunkt sagte: „Werde Musikerin!“

 

Die junge Frau zog es nach Toronto, wo sie sich nun ernsthaft ans Liederschreiben machte und bereits bei vorherigen Aufenthalten Kontakte zur dortigen Musikszene geknüpft hatte. Unter den Fittichen des Produzentenduos Track & Fields entstand ein Demo, welches an das Label DreamWorks geschickt wurde. Dieses konnte gar nicht anders und bot ihr ihren ersten Plattenvertrag an. Man schrieb das Jahr 1999, und Nelly war gerade mal 20 Jahre alt. Ihre erste Veröffentlichung war noch im selben Jahr „Party's Just Begun“, ein Songbeitrag für den Film „Brokedown Palace“, der stilistisch mit seinem Mix aus R'n'B und Folklore bereits damals die beiden wichtigsten Einflüsse und Merkmale ihrer Musik enthielt. Kommerziell war dieses erste Lebenszeichen zwar noch nicht von Bedeutung, doch genug Ansporn, sich endlich an die Arbeit für das Debütalbum zu machen.

 

Dieses erschien unter dem Titel „Whoa, Nelly!“ schließlich im Herbst 2000. Der muntere Songwriter-Pop mit Hip Hop-Anleihen wollte sich aber zunächst nicht so recht verkaufen. Nelly befürchtete schon einen Flop und ließ wieder einmal ihren Bauch sprechen, der da sagte: „Wart noch ein bisschen ab, aber wenn es wirklich floppt, fang lieber wieder mit dem Studium an.“ Doch dazu sollte es nicht kommen: Ende des Jahres kam die erste Single, „I'm Like A Bird“, auf den Markt, kletterte an die Spitze der kanadischen Charts und erreichte sowohl in den USA, als auch in England mühelos die Top Ten. Nun gingen auch die Albumverkaufszahlen nach oben, die erste kleine Tour folgte und Moby nahm sie sogar mit auf seine „Area:One“-Tournee. Und plötzlich standen Stars wie Missy Elliott, Dave Stewart und Jurrassic 5 vor der Tür und wollten mit Nelly Furtado zusammenarbeiten. Innerhalb weniger Wochen war sie von der Newcomerin zur gefragten Musikerin avanciert. Der eigentliche Ritterschlag sollte noch folgen: Nach einer ganzen Reihe von Juno-Awards und diversen kleineren Preisen, die sie in ihrer Heimat Kanada abräumte, war sie Anfang 2002 für vier Grammys nominiert und erhielt den Award schließlich in der Kategorie „Best Female Pop Vocal Performance“ für „I’m Like A Bird“. Jetzt war die Sängerin ganz oben, da meldete sich wieder ihr Bauch: „Schalte einen Gang runter und gründe eine Familie.“ : Gesa gt, getan! Nelly verschwand für rund eineinhalb Jahre von der Bildfläche. Die einzige Frage war, wer wohl zuerst das Licht der Welt erblicken würde: der Nachwuchs oder das neue Album. Das Rennen machte schließlich Töchterchen Nevis, das im September 2003 geboren wurde. „Folklore“, das zweite Album, folgte im November und überraschte durch seine Melancholie und reduzierte, nachdenkliche Songs wie „Try“ oder „Explode“. Interessant: Zwar blieben die Verkäufe in den Staaten und Kanada weit hinter dem Debüt zurück, doch gerade in Deutschland wurde das Werk mit Begeisterung aufgenommen und landete immerhin auf Platz vier der Albumcharts – für Nelly Furtado war dies der große Durchbruch in der Bundesrepublik. Dabei dürfte ihr sicher auch ihr Titel „Forca“ geholfen haben, der offizieller Titelsong bei der EM 2004 in Portugal war, und den sie dort vor dem Finale in Lissabon live im Stadion sang. Spätestens jetzt kannte fast jedermann in Europa Nelly Furtado. Und was machte sie? Ihr Bauch sagte vermutlich wieder etwas Ähnliches, wie: „Jetzt nimm dir mal ein bisschen Zeit für deine Tochter!“ Sie zog sich zurück... „Die Mutterschaft lässt einen vor nichts mehr zurückschrecken“ - diese Aussage von Nelly Furtado zeugt von Selbstvertrauen. Genau dieses brauchte sie für ihr drittes Album „Loose“, das im Sommer 2006 erschien.

 

Kaum noch eine Spur vom Songwriter-Pop, fast schon purer R'n'B und Rap bildete den Grundtenor der CD. Nelly erklärte ihren Richtungswechsel folgendermaßen: „Jedes Mal, wenn ich mit der Arbeit an einem Album beginne, dann sage ich mir: Ok, das ist jetzt das allerletzte Mal. Nach diesem Album ist endgültig Schluss. Und dann packt es mich auf ein Neues, und ich mache genau die Musik, die mich gerade bewegt, und schon geht es von vorne los ... Ich bin mit HipHop und R'n'B aufgewachsen, doch in der Vergangenheit habe ich diesen Aspekt in meinem eigenen Sound immer übergangen. Für 'Loose' wusste ich jedoch, dass es diese Art von Sound sein muss.“ Die Frau ging ziemlich konsequent zur Sache: Ihre alten Weggefährten Track & Fields wurden durch eine ganze Reihe von frischen Produzenten ersetzt, unter anderem durch Timbaland, Pharell Williams und Scott Storch, die allesamt nicht gerade für den Stil stehen, den die Kanadiern zuvor entwickelt hatte. Das Ergebnis bezeichnete Nelly selber schließlich augenzwinkernd als PunkHop.: Und siehe, was ein kolossaler Flop hätte werden können, erwies sich als absoluter Glücksgriff. Gleich die erste Singleauskopplung „Promiscuous“ schoss auf Platz Eins der US-Charts, das Album kletterte in fast allen Ländern in den Bestenlisten nach ganz oben, kaum ein Musikpreis in den vergangenen zwei Jahren, den Nelly Furtado nicht verliehen bekommen hätte. Ganz nebenbei musste für sie sogar eine neue Kategorie eingeführt werden: Als erste Künstlerin verkaufte die Kanadierin mehr als eine Million Alben per Download und wurde somit als erste mit dem „Platinum Digital Award“ ausgezeichnet. Wenn man noch die Verkäufe von „regulären“ Tonträgern dazu nimmt, kommt man auf schlappe sieben Millionen verkaufte Alben - davon gingen allein in Deutschland circa rund eineinhalb Millionen Exemplare über den Ladentisch. Kein Wunder, dass die Frau Angebote wie das vom Playboy, für rund eine halbe Million US-Dollar die Hüllen fallen zu lassen, mit einem müden Lächeln abwinken kann. Auch wenn eine Menge Männer sicher mit Vergnügen einen Blick auf ihren Bauch geworfen hätten. Stellt sich abschließend jedoch noch eine wichtige Frage: Bringt die 29-Jährige ihr Können auch auf der Bühne zur Geltung? Spätestens nach dem Genuss ihrer im vergangenen November erschienen DVD „Loose – The Concert“, ein Konzert-Mitschnitt im kanadischen Toronto, sollte auch das kein Thema mehr sein, zeigt sich doch auch hier einmal mehr, was Nelly Furtados gesamtes Schaffen ausmacht: Leidenschaft. Und natürlich auf den Bauch zu hören ... Roland Aust

 

>Termine: 8.7. München, 9.7. Wiesbaden, 10.7. Dresden

 

Background:Reitstadion Riem

Nelly Furtado hat für ihre drei Sommerkonzerte in Deutschland durchwegs besondere Locations ausgesucht. In Wiesbaden ist dies das Bowling Green, in Dresden das fast schon unwirklich schöne Elbufer und in München das Reitstadion auf der Olympia Reitanlage im Stadtteil Riem. 1972 im Rahmen der XX . Olympischen Sommerspiele entstanden, entwickelte sich das rund 15.000 Personen fassende Stadion mit der charakteristischen, einem Amphittheater nicht unähnlichen Steintribüne zum Schauplatz legendärer Konzerte: So waren unter anderem Bruce Springsteen, Madonna und Supertramp dort zu Gast. Das absehbare Ende kam 27 Jahre später, die amerikanische Band R.E.M. spielte auf dem baufällig gewordenen Gelände am 13. Juli 1999 das vorerst letzte Konzert im Reitstadion. Mit Ausnahme einer kleinen Show der Wise Guys fand dort in den folgenden neun Jahren kein Konzert mehr statt, was in einer an schönen Open-Air-Locations eher armen Stadt wie München schmerzlich auffiel. Nach dem Abriss der Haupttribüne und weiteren Sanierungsarbeiten melden die Betreiber des Reitstadions jetzt wieder  „Bühne frei“: Am 21. Juni ist dort Linkin Park zu Gast, am 8. Juli dann Nelly Furtado. ms

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