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Rosenstolz

28.08.2008 (ms) - „Wir wollen noch lange Spass haben" (aus: event. 09/08)

Am 26. September ist R-Tag: Das neue Rosenstolz-Album erscheint und wenige Wochen später startet die umfangreiche Tournee des Duos, die sich bis in den Sommer 2009 erstrecken wird. Bevor AnNa R. und Peter Plate also so richtig im Stress sind, haben sich die beiden für event. Zeit genommen und plauderten im Café des Münchner Luxushotels The Charles entspannt über große Emotionen, eine lange Karriere und ihre Beziehung zu den Fans.


Nach „Das große Leben“ jetzt „Die Suche geht weiter“ – eine Auseinandersetzung auf CD mit Tod und Verlustängsten. Wie schwer ist es, mit dieser Trauer jetzt wieder konfrontiert zu werden?

Peter: Gute Frage. Es ist auf alle Fälle seltsam, denn normalerweise bauen wir eine große Mauer um uns herum und sagen nicht, wer welchen Text geschrieben hat. Dies war nun zum ersten Mal nicht möglich, denn „An einem Morgen im April“ handelt von Ulfs Mutter (Ulf Sommer, Texter, Komponist und Produzent von Rosenstolz, Anm. der Red.) und damit ist klar, dass er den Text geschrieben hat.

Anna: Das Lied ohne Kloß im Hals zu singen, ging erstmal gar nicht, das hat gedauert. Wir haben die Aufnahme immer wieder nach hinten verschoben. Die Trauer eines anderen zu besingen ist eine sehr schwere Geschichte…

 

 

Drei Tage vor dem Start der „Das große Leben“-Tournee habt Ihr vom Tod von Ulfs Mutter erfahren und habt dann auf der Bühne riesige Zuneigung und Jubel erlebt. Und dann die neue Platte aufgenommen, ein Wechselbad der Gefühle. Wie hält man das aus?

Peter: Schwierig sind die zwei Wochen, in denen wir Promotion für das Album machen. Die Interviews fühlen sich komisch an. Wir wollten aber dennoch nicht den Song verfremden, das wäre verlogen gewesen. Damals auf Tour zu sein, war trotzdem wunderbar. Klar haben wir uns die Frage gestellt, ob ein Abbruch nicht besser wäre. Aber ich denke, Ulfs Mutter hätte das nicht gewollt. Wenn man seinen Beruf liebt, findet man viel Trost darin. Ich habe auf der Bühne alles fünffach stark empfunden, damals.

Anna: Wir haben uns doppelt und dreifach angestrengt, um Ulf gute Konzerte zu bieten.

Peter: Ich bin jetzt 41 Jahre alt und sich mit dem Tod von Freunden oder Eltern zu beschäftigen, kommt immer näher. Wir machen seit 17 Jahren als Rosenstolz Musik und müssen uns entscheiden, ob wir dem Jugendwahn folgen oder über das singen, was in unserem Leben passiert. Unsere Lieder waren immer schon ein Tagebuch der jeweiligen Gefühlslage. Auf der Tour präsentieren wir aber die komplette Bandbreite von Rosenstolz, so dass es auch Nummern zum Abgehen, zum Lachen und Spaß haben geben wird.

 

 

Ende September erscheint das neue Album, Anfang November geht Ihr auf Tour. Wann endet die Arbeit für das Album und ab wann bereitet Ihr Euch auf die Tournee vor?

Peter: Ich denke mir bei der Produktion jeder neuen CD , dass ich mir diese nach der Veröffentlichung noch öfter anhören werde… Doch nach der Fertigstellung ist das Thema für mich dann doch wieder abgeschlossen. Im Moment kloppen wir uns sehr heftig um das Liveprogramm. Nach elf CD s zu entscheiden, was tatsächlich auf die Bühne kommt, ist wirklich sehr schwer. Hier hat traditionell Ulf das erste Vorschlagsrecht, er schickt mir die Liste und ich frage ihn dann zunächst im Spaß, ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Wir arbeiten dann gemeinsam weiter und dann geht das ganze an Anna und die Diskussion ist eröffnet.

 

Wann kommst Du ins Spiel, Anna?

Anna: Die beiden nehmen natürlich Rücksicht auf mich, wir diskutieren gerade bei ganz alten Songs, die die beiden Herrschaften aus irgendwelchen Gründen auf der Setlist haben wollen, ob das noch Sinn macht.

Peter: Du wirst staunen, Anna, wenn Du die Setlist siehst (lacht)!

 

 

Wie geht Ihr dabei vor?

Peter: Anfang September wird zwei Wochen geprobt, danach ist Pause, bevor wir wieder proben. In den ersten beiden Wochen probieren wir dann die „unmöglichen“ Sachen aus, von denen die Hälfte bestimmt gar nicht mehr spielbar sein wird.

 

 

Inwieweit wird in dieser Phase bereits das Interesse der Fans berücksichtigt?

Peter: Mir ist dieser Aspekt sehr wichtig, schließlich ist es ja toll, beispielsweise im Internet nachzulesen, was sich die Fans alles so von uns live wünschen.

Anna: Um das hinzukriegen, würden wir übrigens mal locker zwölfstündige Konzerte spielen...

Peter: Vor 15.000 Menschen Lieder zu spielen, die nur 500 im Publikum kennen - das kann man nicht durchgehend bringen. Dennoch sind uns die Fans der ersten Stunde wichtig, für die muss es eine Überraschung geben. Das ist Pflicht und macht uns auch Spaß.

 

 

Wie geht Ihr live mit dem Grundton des Albums um, der ja eher melancholisch ist?

Peter: Da habe ich gar keine Angst davor, denn das gab es schon immer bei Rosenstolz – diese Achterbahn zwischen lustigen, schnellen, traurigen und ernsten Songs. Und diese Achterbahn macht auch uns großen Spaß. Wir können „Schlampenfieber“ spielen und danach „Lachen“, das ja eher ernst ist.

 

Ist es nicht schwierig, zwischen diesen Gefühlszuständen zu wechseln…

Anna: Ach, halb so wild, wir machen das ja auch schon lange genug (lacht).

 

 

Ihr habt live alles erreicht, was man erreichen kann – abgesehen von den üblichen Phantastereien, wie einem Auftritt auf dem Mond oder unter Wasser. Gibt Euch das Sicherheit, oder steigen Eure Erwartungshaltungen von Tour zu Tour?

Anna: Es gibt weder eine Extra-Sicherheit noch Extra-Nervosität. Wir sind nach wie vor nervös und haben Lampenfieber, das gehört sich so. Sicher fühle ich mich dabei nie, es kann ja immer noch viel schief gehen.

 

 

Euer Lampenfieber ist also immer noch gleich stark heutzutage?

Anna: Das kommt auf die Show an. Ich erinnere mich an das erste Mal auf der Wuhlheide, das war die Hölle für mich. Ich stand am Nachmittag auf der Bühne und blickte in das leere Rund und war wie erschlagen. Ich hab mich dann für „Augen zu und durch entschieden“, denn es hilft ja sowieso nichts, und gefüllt sah das Rund schon viel freundlicher aus. Im ersten Moment hatte ich aber den Plan gefasst, mir backstage gleich zwei Beine und am besten auch noch den Hals zu brechen, damit ich nicht auf diese Bühne muss (lacht). Beim zweiten Mal ging es schon etwas besser.

 

 

Ist die Wuhlheide Euer Lieblingsvenue?

Anna: In Berlin auf alle Fälle. In Leipzig war es vor dem Völkerschlachtdenkmal: Das war irre! Und in Dresden war es das Elbufer.

Peter: Ich sehe das wie Anna. Aufregend ist ja immer, dass auch am schönsten Ort das Konzert eher bescheiden ausfallen kann und andersrum ...

 

Die Wuhlheide ist sehr groß, erinnert Ihr Euch noch an die kleinsten Konzerte, die Ihr je gegeben habt?

Anna: Das waren die Shows in der Galerie Bellevue in Berlin, da passten von Haus aus nur 30 Leute rein.

Peter: Die Erinnerungen an diese Tage sind sehr stark, ich kann mich sogar noch an die Setlists erinnern!

 

Wie lang war die Setlist damals?

Peter: 14 Lieder, mit Pause in der Mitte. Auf die Pause bestand der Galeriebetreiber wegen der Getränkeeinnahmen. Die Pause war das erste, was wir gestrichen haben, als wir soweit waren, Bedingungen stellen zu können. Wir haben die Pause gehasst!

 

 

Geht Ihr härter mit Euch ins Gericht nach Konzerten als früher?

Peter: Nein, wir waren schon immer kritisch, wobei das aber nicht heißt, dass man auch Recht hat. Bei der ersten Live-DVD, „Live in Berlin“, war es, wie soll ich es sagen, ohne die Plattenfirma zu verärgern… Naja, jedenfalls war es damals noch möglich, an drei Tagen hintereinander eine DVD aufzuzeichnen (lacht). Es war so interessant, die Ergebnisse zu sehen. Das eigene Gefühl kann einen da sehr täuschen, man meint, an einem Tag besser gewesen zu sein und nimmt dann doch die Aufzeichnung eines anderen Tags.

 

 

Wie fühlt man sich, wenn man im Schneideraum eines Studios ein Rosenstolz-Konzert erneut erlebt?

Anna: Das ist sehr lustig, ich sehe dort ja schließlich zum ersten Mal, was hinter mir passiert. Wie die Bühne aussieht, was die hinter mir an Faxen machen, das kriege ich live nicht mit.

Peter: Ich versuche, professionell zu sein und die Bilder zu wählen, die dem Publikum am besten gefallen. Ich selbst kann mich selber gar nicht sehen, ich finde mich da immer ganz schrecklich. Das geht aber den meisten Künstlern so.

 

 

Lasst uns über Eure Popularität sprechen – Rosenstolz ist vermutlich die erfolgreichste deutschsprachige Band dieser Tage. Habt Ihr noch Ruhe in Berlin?

Anna: Ja, erstens ist es Berlin! Und zweitens kennen die Berliner uns schon seit langem. Die müssen jetzt nach 17 Jahren nicht brüllen: „Das sind sie!“.

 

 

Vermisst Ihr denn gar nichts aus den „alten Zeiten“?

Peter: Nein, gar nichts. Wenn mich jemand um ein Autogramm bittet, freut mich das eher. Das ist mein Beruf, den habe ich mir ausgesucht.

 

 

Was bedeuten Euch Zahlen? Beispielsweise mit dem neuen Album eine Woche länger auf Eins zu bleiben, mehr Edelmetall einzusacken oder neue Besucherrekorde live aufzustellen?

Peter: Wenn uns das berühren würde, würden wir uns fürchterlich unglücklich machen, denn wir werden nie wieder soviel verkaufen wie vom letzten Album. Das gibt der Markt nicht mehr her und wir hatten damals auch viel Glück, hatten den Zeitgeist erwischt und so weiter. Wir sind stolz auf den Erfolg, aber das Kapitel ist abgeschlossen.

Anna: Klar hat es mich gefreut, dass „Das große Leben“ so lange in den Charts geblieben ist, aber darin liegt nicht unser Ehrgeiz. Live ist es ähnlich, wir sind auch schon aufgetreten als zwei Fans kamen und 200 geplant waren.

Peter: Das hat uns nie gestört, man muss sich Städte erarbeiten. Sagt man solche Konzerte im Vorfeld ab, wird nie was draus.

Anna: Wenn die kommende Tour nicht ausverkauft wird, dann halt nicht. Das sehe ich von der Bühne aus eh’ nicht, ob da noch ein paar Plätze frei sind… (lacht)

 

 

Zum Abschluss die offensichtlichste aller Fragen: Was treibt Euch noch an? „Die Suche geht weiter“ – wonach?

Anna: Spaß zu haben!

Peter: Das ist viel Arbeit – darauf aufzupassen, wie wir miteinander umgehen, Anfragen auch mal abzulehnen, wenn es zu viel wird. Uns macht es Spaß im Moment und das wäre schön, wenn das noch so weitergehen könnte. Musik aufzunehmen, live zu spielen, das ist toll, andere Aspekte machen weniger Spaß. Wir arbeiten also daran, alles so zu verändern, dass wir noch lange Spaß an den wichtigen Dingen haben werden. ms

>Termine: 7.11-30.1. u.a. Berlin, Cottbus, Zwickau; 12.-13.9. Berlin, Wuhlheide

 


Background: Rosenstolz

Rosenstolz sind eine der derzeit erfolgreichsten deutschen Popbands, wenn nicht gar die erfolgreichste. Ihr bislang letztes Studioalbum, „Das grosse Leben“, verkaufte sich dank einer gelungenen Mischung aus Rock, Pop und Chanson mehr als eine Million Mal, zur Tour kamen hunderttausende Rosenstolz-Fans. Ende September wird „Die Suche geht weiter“ erscheinen – ein ruhiges, hochemotionales und an vielen Stellen tieftrauriges Album, mit dem Rosenstolz auch qualitativ erneut in der ersten Liga landen. Es macht den beiden also immer noch Spaß und auch im achtzehnten Jahr der Karriere sind keinerlei Abnützungserscheinungen zu bemerken… ms

 

 

 

 

 

 

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